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Aktuelles

In einem kleinen, teils von der AK Wien finanzierten und vom AMS NÖ unterstützten Forschungsprojekt wurden BezieherInnen der Bedarfsorientierten Mindestsicherung in Niederösterreich nach ihren subjektiven Wahrnehmungen von und Erfahrungen mit dem Bezug der Bedarfsorientierten Mindestsicherung befragt, wobei auch Menschen berücksichtigt wurden, die 2015/16 aus ihrem Heimatland geflohen waren und in Österreich Asyl erhalten haben.

Der Alltag der interviewten Asylberechtigten ist von ihren Bemühungen geprägt, mit den Zuwendungen aus der Bedarfsorientierten Mindestsicherung auszukommen. Viele leben zu hoher Miete beengt in Substandardwohnungen, die teils in desolatem Zustand sind, mit vorerst wenig Perspektive auf eine Verbesserung der Wohnsituation. Sie verbringen den Tag mit dem Erlernen der deutschen Sprache und mit der Suche nach Arbeit, wobei sie in der Regel aufgrund fehlender Qualifikationsnachweise mit Absagen konfrontiert werden. Verschiedene private Organisationen bieten Berufsberatung und Unterstützung bei der Suche nach Arbeit. Die damit einhergehenden Hoffnungen schlagen jedoch aufgrund der Ergebnislosigkeit in Frustration um. Zum Beispiel führen absolvierte Praktika nicht zum erhofften Berufseinstieg. Selbst wenn die Berufserfahrung im Herkunftsland einsichtig ist, wird diese in Österreich nicht berücksichtigt, sondern Asylberechtigte erhalten die Empfehlung, ihre Berufsqualifikationen und -erfahrungen aus dem Herkunftsland hintanzustellen und eine alternative Fachrichtung zu wählen.

Was bedeuten diese Befunde für den politischen Umgang mit Geflüchteten? Menschen aus dieser Personengruppe befinden sich in der Bedarfsorientierten Mindestsicherung, weil sie überleben müssen, während sie sich den Arbeitsmarktzugang erarbeiten. Sie hatten bisher keine Gelegenheit, sich im österreichischen Schulsystem und am österreichischen Arbeitsmarkt zu bewähren, sondern mussten ihr Land verlassen, um ihr Leben zu retten. Sie sind, sofern nicht durch Traumatisierung erkrankt, hochgradig motiviert, am österreichischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, und sie sind in der Regel auch bereit, zumindest im Zuge des Einstiegs in den Arbeitsmarkt Zugeständnisse hinsichtlich des Berufsstatus zu machen. Die Dauer ihres Verbleibs in der Bedarfsorientierten Mindestsicherung hängt weniger von individuellen Faktoren als von den institutionellen Hürden ab, die ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren. Eine Politik, die auf die Minimierung der Ausgaben für die Bedarfsorientierte Mindestsicherung abzielt, muss daher insbesondere in den Deutschunterricht und in die auf das Wesentliche fokussierende Prüfung und Anerkennung von Qualifikationen investieren. Während die Verbesserung der Deutschkenntnisse schlichtweg eine Frage der Budgetverteilung ist, erfordert die Anerkennung von Qualifikationen etwas mehr Fantasie und Pragmatismus, weil die Zugangshürden in vielen Berufen nicht gesetzlich geregelt sind, sondern in der Verantwortung von berufsständischen Verbänden liegen. Zugleich würde eine solche Politik aber dazu beitragen, den vielerorts und wiederholt beklagten Fachkräftemangel in relativ kurzer Zeit durch motivierte und lernwillige ArbeitnehmerInnen zumindest zu entschärfen.

Quelle: Bernhard Kittel, Stefanie Stadlober: Zwischenstation Mindestsicherung: Geflüchtete Menschen am Weg in den österreichischen Arbeitsmarkt; A&W blog, 7. Jänner 2019

Stadlober, Stefanie; Vogel, Laura; Kittel, Bernhard: Die subjektive Erfahrung des Bezugs der Bedarfsorientierten Mindestsicherung in Niederösterreich: eine interviewbasierte Analyse; Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, Dezember 2018